Roman: Der Palast Schamàayas

Ali Alkurdi

Roman: Der Palast Schamàayas

Kapitel: „Der palästinensische Romeo und die jüdische Julia”

…Im Jüdischen Viertel, in dem unterschiedliche Religionen mit den palästinensischen Flüchtlingen nebeneinander wohnten, durchmischten sich oft die Gerüche; vor allem bei bestimmten Anlässen, insbesondere bei religiösen Festen, die sich manchmal überschneiden, wie das muslimische „Zuckerfest” und andere christliche bzw. jüdische Feste. Da duftet die Bäckerei von Abu Salim, dem jüdischen Bäcker, nach Süßigkeiten beider Glaubensrichtungen, die typischerweise für solche Gelegenheiten zubereitet werden. Es duftete intensiv nach Gewürzen, die Palästinenser für ihr Festgebäck verwenden, so Anis, Gries, Muskatnuss, Nelken, Schwarzkümmel und Sesam; nach geknetetem Brot mit Olivenöl und Schwarzkümmel. Dazu kommen die Gerüche unterschiedlicher Teigwaren und „Petit Fours”, die die jüdischen Hausfrauen in kleinen schicken Formen und Mustern zubereiten. Die Süßigkeiten mit ihren Mustern und Duften symbolisieren zwei unterschiedliche Kulturen, wobei jede Seite durch die Düfte der anderen angelockt wird. So wird die Neugier von beiden Seiten geweckt, diese Plätzchen zu verkosten und sie fragen sich ganz schüchtern gegenseitig, etwas davon zu probieren. Dadurch wird die Distanz zwischen ihnen sofort überwunden. Sie bieten sich unter einander ihre Süßigkeiten an und besiegen so Gefühle jeglicher Art von Zurückhaltung, Ängsten und Verboten. So nähern sich die Menschen einander.

Einmal erzählte mir Ahmad von einer tragischen Geschichte, die im Viertel passiert ist. Bei allen blieb sie lange im Gedächtnis. Ein palästinensischer Jugendlicher hatte sich in eine Jüdin aus der Nachbarschaft verliebt, die zwei Jahre jünger als er war. Er hatte sie immer von Ferne beobachtet, hatte sich jedoch nie getraut, sie anzusprechen. Sie hatte ihn ganz schüchtern angeschaut… sie war durcheinander und wurde rot, wenn sich ihre Blicke trafen. Sie schien in Eile, und wenn sie die Wohngasse betrat, drehte sie sich zu ihm um und lächelte ganz kurz bevor sie verschwand. Eines Tages trafen sie sich in der Bäckerei von Abu Salim; es war in der Zeit vor dem Fest… Zusammen mit ihrem Bruder hatte sie in der Reihe gewartet, um die von ihrer Mutter zubereiteten Süßigkeiten backen zu lassen. Sie wartete in seiner Nähe bis die Bleche mit den Süßigkeiten – mit ihren vielfältigen kleinen Mustern in Form von Herzen, Kreisen, Dreiecken und Sternen – abkühlten. Die Gerüche der schönen Süßigkeiten hatten sich mit den Düften ihrer verführerischen Weiblichkeit gemischt, und so traute er sich das erste Mal ihr näher zu kommen.

Sie lächelte ihn mit einem bezaubernden Lächeln an, das ihn wie auf Flügeln in ferne Welten trug. Sie sprachen miteinander, spürten eine Nähe und eine Harmonie, die beide als großes Glück empfanden. Dann nahm sie mit ihren sanften Fingern einen Keks und gab ihn ihm. Das hat ihn verwirrt, dann hat er ihn genommen und langsam abgebissen. Er genoss diesen kostbaren Moment. Er half ihr vorsichtig bei der Verpackung ihrer Süßigkeiten. Kurz bevor sie rausging, wurden seine Süßigkeiten aus dem Backofen herausgenommen und sie breiteten ihre besonderen Gerüche in der Bäckerei aus; er ergriff von den verschiedenen Süßigkeiten jeweils ein Stück und gab sie ihr. Die Begegnung zwischen ihnen war leidenschaftlich, warm wie ein ruhiges romantisches Lied, voller Freude und dem Zauber der mehrdeutigen Gefühle: Das bewegte beide weit weg aus dem Ort und der Zeit und schien sie bis in die Unendlichkeit zu führen.

Dieser Junge hat manchmal Fußball mit seinen Freunden in der Gegend gespielt, und wenn irgendwann mal sein Mädchen an ihnen vorüberging, sprang er plötzlich beiseite und lehnte sich an eine Wand, um ein Loch in seiner Hose zu verbergen, damit seine Geliebte diesen Makel nicht bemerkte, während sie wie ein Windhauch vorüberging und Gefühle in jeder Faser seines Körpers weckte… Rot und schüchtern geworden lehnte er sich mit dem Rücken an die Wand, um das Loch in seiner Hose zu verstecken. So wartete er auf sie, während sie an ihm vorbeiging und sich beide anlächelten. Auch für sie bedeuteten diese liebevollen Blicke und dieses sanfte Lächeln alles.

Seine Freunde hatten sich jedes Mal darüber aufgeregt, wenn er mit dem Spielen aufhörte. Sie spotteten über ihn, wenn er unbeweglich wartete, bis sie seinen Blicken entschwunden war. Erst dann spielte er weiter, erfüllt von ihrer Schönheit und seinen Gefühlen für sie.

In dem Jungen und dem Mädchen wuchsen die Gefühle füreinander. Durch Briefe und Gespräche wurden sie mit der Zeit immer intensiver.

Die leidenschaftlichen und tiefen Emotionen, die sie mit einander verbanden, ließen sie Grenzen, Hindernisse und die Verschiedenheit ihrer Herkunft vergessen. Sie fühlten sich frei wie zwei Vögel, einig mit der ganzen Welt, angefüllt mit Freude und Freiheit.

Als sie über zwanzig Jahre alt waren, beschlossen sie zu heiraten. Als sie beiden Familien ihre Entscheidung mitgeteilt hatten, kam alles durch einander. Beide Familien verweigerten ihre Zustimmung und begannen, alle Formen von Druck, Einschüchterung und Bedrohung auszuüben. Sie hatten nicht genug Erfahrungen und Reife, um diesem Druck und den Bedrohungen Stand zu halten. Es folgte daher ein Zustand extremer Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Eines Tages hat der junge Mann Kerosin über sich gegossen und zündete sich an. Als sie erfuhr, was mit ihm passiert war, nahm sie Gift. Am nächsten Morgen fand

man ihren toten Körper. Nun konnte sie ihm folgen. Ein Rhythmus von Trauer und Schwermut hing über dem jüdische Viertel… Zwei Beerdigungen folgten mit unterschiedlichem Ritual für zwei Liebende, die ihr Leben gelassen hatten… ohne die Antwort auf die einfache Frage zu geben: Warum?”