Zwei Seelen in einer Brust

Zwei Seelen in einer Brust

Die Luft riecht nach Flieder. Leise raschelt das dünne Blättchen, mit welchem sich Ali Al Kurdi eine Zigarette dreht. Er ist Schriftsteller. In einem Hinterhof in Weimar sitzt er an einem Tisch aus Holz und erzählt. Er spricht von dem langen Weg, der ihn hierhergeführt hat, in den Garten, in dem der Flieder blüht.

Der Weg begann in Damaskus, Syrien. Eine Stadt mit kleinen Gassen, in denen das Leben überquoll. Eine laute Stadt, hinter deren Mauern Ali Al Kurdi ihre stillen Geheimnisse suchte. Hier wurde er 1953 geboren, nachdem seine Eltern aus Palästina nach Damaskus flohen. Er wuchs auf in Jarmuk, einem Flüchtlingsviertel nahe der Stadt. Syrien war sein Zuhause, auch wenn er als Flüchtling herkam. „Meine Eltern haben mir das Flüchtling-Sein vererbt“, erzählt er. Er zündet die Zigarette an, atmet einen Zug ein, haucht den dichten Rauch in die frische Luft. Der laue Frühlingswind verweht ihn in zarten Schlieren. „Es ist ein Status, den ich seit meiner Geburt nicht losgeworden bin.“

In seiner Jugend fing er an, sich mehr mit den politischen Hintergründen in Syrien auseinanderzusetzen. Diese waren damals schon sehr schwer zu durchschauen. Je mehr er aber versuchte, sie zu analysieren, zu verstehen, wurde ihm klar, dass er mit den Menschen sympathisierte, die auf die Straße gingen. Er wollte sich für Freiheit einsetzen, für die Würde des Menschen und Demokratie. Anfang der 1970er Jahre gründete er mit anderen linksorientierten Studenten einen Verband. Sie trafen sich und tauschten Ideen aus. Als das syrische Regime diese sich bildende Bewegung bemerkte, überwachte es sie sofort. Dem Staat gefielen die Gedanken nicht, die hier ausgetauscht wurden. „Ich habe nur eine Meinung vertreten. Eine politische Meinung, die nichts mit Terrorismus zu tun hat. Aber das diktatorische Regime duldet keine anderen Meinungen.“ Der Verband existierte noch nicht lange, als die Inhaftierungen begannen. 1979 musste Ali Al Kurdi erstmals ins Gefängnis. Nach einem Jahr kam er für kurze Zeit wieder frei. 1982 wurde er erneut inhaftiert – diesmal musste er neun Jahre im Gefängnis bleiben.

Die letzten grauen Schlieren verlieren sich in der Luft. Langsam erstickt der Zigarettenstummel, als Ali Al Kurdi ihn im Aschenbecher ausdrückt. Er steht jetzt auf, stellt sich starr hin, stiert geradeaus. Er beginnt, von seiner Zeit im Gefängnis zu erzählen. „So mussten wir uns aufstellen, als wir im Gefängnis ankamen. Wir waren an den Füßen zusammengekettet“. Er möchte nicht von der Folter sprechen. Stattdessen erzählt er von dem sauren Gestank, der in der Luft lag. Er legte sich wie ein brauner Schleier über die Tausend Menschen, die hier in der Hitze aufeinander hockten. Wenn die Wärter das Gebäude betraten, hielten sie die Luft an, husteten. Es war unerträglich, zu atmen. Hunderte Menschen schliefen zusammengequetscht in winzigen Räumen. Aneinandergereiht wie Bleistifte in einem flachen Etui lagen sie da. Sie warteten. Sie wussten nicht, wann und ob sich etwas ändern würde. Wenn sie Glück hatten, würden sie bald wieder freikommen. Wenn nicht – warteten sie hier bis zu ihrem Tod. Ali Al Kurdi setzt sich wieder, trinkt einen Schluck arabischen Kaffee aus einer kleinen Tontasse. Es riecht nach Kardamom.

Der Garten, in dem Ali Al Kurdi jetzt sitzt, ist der eines befreundeten Künstlers in Weimar. Die Blätter einer alten Eiche werfen flatternde Schatten auf Ali Al Kurdis Gesicht. Ab und zu verdecken sie seine braunen Augen, spielen mit seinen gestikulierenden Händen. Zwischendurch schieben sich weiß leuchtende Wolken vor die Sonne und die Schatten auf seiner Haut verschwinden. Er schaut ernst, lacht aber immer wieder. Auch im Gefängnis haben sie trotz der schrecklichen Lage gelacht, sich über kleine Dinge gefreut. Es war der schwarze Humor der Not, sagt er. Anders konnten sie mit der Situation nicht umgehen. Sie wussten wenig über das, was kommt. Klar war nur, dass das Regime Syriens dachte, sie wären seine Gegner. Nach neun Jahren konnte Ali Al Kurdi das Gefängnis verlassen. Der Verband, in dem er sich zu Beginn engagiert hatte, existierte ohnehin nicht mehr. Das Regime sah keine große Gefahr mehr in ihm.

Nach der Gefangenschaft arbeitete Ali Al Kurdi als Journalist in einer Dokumentarfilmfirma und leitete das Forschungszentrum Al-Ghad. Dort forschte er zu Konflikten im Nahen Osten. Er baute sich wieder ein Leben auf, gründete eine Familie. Als bei einem Bombenanschlag auf Jarmuk 2012 aber sein Haus zerstört wurde, verloren er und seine Familie ihre Existenzgrundlage. „Ich weiß nicht, wie es heute bei mir zu Hause aussieht. Aber all meine Erinnerungen von früher sind dort, Fotografien von meinen Kindern, meine Bücher.“ Zu dem Zeitpunkt arbeitete Ali Al Kurdi für Al Jazeera, einem arabischen international bekannten Fernsehsender. Der Sender berichtete unter anderem auch viel über den arabischen Frühling – für das syrische Regime ein Grund, den Sender zum Feind zu erklären. Die Arbeit als kritischer Journalist war für Ali Al Kurdi auch jetzt sehr gefährlich. Der Bombenanschlag, die erneute Gefahr durch seine Arbeit – diese Umstände zwangen ihn und seine Familie, in den Libanon zu fliehen. Hier konnte Ali Al Kurdi weiter an Dokumentarfilmen arbeiten. Trotzdem war das Leben im Libanon zu teuer, sodass seine Frau mit den Kindern nach kurzer Zeit zurückkehren musste nach Syrien. Das kam für ihn nicht in Frage, es war viel zu gefährlich. Im Libanon bekam er nur für ein Jahr Aufenthalt gewährt.

Langsam rollt er zwischen seinen Fingern eine neue Zigarette, zupft den Tabak vorn ab, zündet sie an. „Ich war gezwungen, nach Lösungen zu suchen. Nach Syrien konnte ich nicht zurück – das war viel zu gefährlich. Im Libanon durfte ich nicht bleiben. Wo sollte ich hingehen?“ Als er jetzt lacht, bläst er den Rauch zum Flieder hin. Die zwei Gerüche vermischen sich auf seltsame Art und Weise. Der eine so süß, der andere herb.

Über eine Bekannte fand Ali Al Kurdi ICORN – eine Organisation, welche SchriftstellerInnen und KünstlerInnen in Gefahr einen Zufluchtsort im Ausland bietet. In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ist durch ICORN ein Netzwerk aus Städten entstanden, in denen SchriftstellerInnen im Exil leben können. Mit Hilfe des Vereins Zufluchtstadt Weimar konnte er 2015 nach Weimar kommen – auch seine Familie lebt jetzt in Deutschland.

Ein Weltenwechsel war es für ihn, nach Weimar zu ziehen. „Zum einen bin ich unglaublich dankbar, dass ich hier sein darf. Es bereichert mich, in so einem entwickelten Land zu leben, die Kultur zu kosten, die Museen zu entdecken. Ich genieße den Frieden und ich möchte den Menschen in Deutschland auch etwas zurückgeben.“ Mit seinen Werken hofft er, etwas zu erschaffen, was nachhaltig Bestand hat, woran die Menschen sich erinnern. Er versucht, die Gepflogenheiten in Deutschland zu verstehen und sich an sie zu gewöhnen. „Es liegt mir am Herzen, allen Menschen mit Respekt zu begegnen und dafür muss ich verstehen, wie das Leben hier funktioniert. Die Menschen leben mit einem anderen Rhythmus.“ An diesen Rhythmus kann er sich noch nicht gut gewöhnen. Deutschland ist noch immer ein fremdes Land für ihn. Die Veränderung hat ihn aus seinen Wurzeln gerissen. Das Damaskus, in dem Ali Al Kurdi aufwuchs, war eine pulsierende Stadt. Alles bewegte sich ständig. Das Leben in Weimar ist friedlich – und viel stiller. Nichts passiert hier. Diese Ruhe, dieser Rhythmus verlangsamen alles, auch sein Schreiben. „Das Feuer, mit dem ich schreibe, ist kleiner geworden“, sagt er.

Er ist glücklich über den Frieden, aber die Stille bedrückt ihn von Zeit zu Zeit. „Es leben zwei Seelen in meiner Brust“, sagt er. Die eine ist glücklich, die andere sehnt sich. Wieder vermischt sich der beißende Tabakgeruch mit dem süßlichen Flieder, als er spricht.

Von Thea Marie Klinger